Erfahrungsbericht, Lektorat

Erfahrungsbericht: Seminar „Follow-up Freies Lektorat“ bei der Akademie der Deutschen Medien

Das Seminar „Follow-up Freies Lektorat – Textwerkstatt für Profis“ wird von der Akademie der Deutschen Medien angeboten. Es richtet sich speziell an Personen, die bereits das Zertifikat „Freier Lektor ADB“ (bzw. neuerdings ADM) erworben haben. Vor dem Workshop erhielten die Teilnehmer per E-Mail einen belletristischen und einen Sachtext, die dann im Vorhinein bearbeitet werden konnten, um sie in der Runde im Detail zu besprechen.

Das Seminar bietet den Teilnehmern die Möglichkeit, einen Großteil der Seminarinhalte zu beeinflussen. Das ist der entscheidende Unterschied zu den Lektoratsseminaren I-III.

Zu Anfang besprach die Seminarleiterin Frau Rumler mit den Teilnehmern das „Menü“ für die zwei Seminartage und stellte dabei eine Reihe eigener Themenvorschläge aber auch einige zuvor eingesandter Vorschläge aus dem Teilnehmerkreis vor. Viel Zeit war für intensive Textarbeit reserviert, im Zuge derer beispielsweise eine Belletristikübersetzung aus dem Englischen bearbeitet wurde. So detailreich, dass nachher jedem klar war, dass (leider) kein Auftraggeber eine so detailverliebte Vorgehensweise bezahlen würde.
Dennoch war es sehr reizvoll, sich so tief gehend mit Texten zu befassen und zu erleben, welch unterschiedliche Herangehensweisen es gibt und wie verschieden auch das Sprachgefühl sein kann, das uns veranlasst, Kleinigkeiten in die eine oder andere Richtung zu verändern.

Zwischendurch gab es Exkurse zu Spezialthemen wie z. B. Leserbedürfnissen und -erwartungen oder der Strukturierung von Texten, jeweils begleitet von Handouts oder kleinen Übungen.

Das Seminar hat meine Erwartungen voll erfüllt, da es erstens in zahlreichen Aspekten als Auffrischung diente, und ich zweitens konkrete neue Impulse für die Textarbeit, insbesondere an Übersetzungen, mitnehmen konnte. Dass der Schwerpunkt auf dem Bearbeiten von Übersetzungen lag, hing in erster Linie vom Teilnehmerfeld ab und gehört in diesem Umfang nicht zum festgelegten Programm des Seminars.

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Erfahrungsbericht, Lektorat

Aus dem Alltag eines Freien Lektors: Teil I – Die Buchmesse

„Warum fährt man als Freier Lektor zur Buchmesse?“

Diese Frage stellten mir branchenfremde Bekannte, mit denen ich mich in Frankfurt abseits der Messe traf. Ja, wieso fahre ich eigentlich zu den Buchmessen nach Leipzig und Frankfurt?

Dafür gibt es eine ganze Menge guter Gründe. Für mich persönlich steht an erster Stelle die Möglichkeit, Kontakte auf persönlicher Ebene zu pflegen, aufzufrischen oder neu zu knüpfen. Ich verbringe viel Zeit als Einzelkämpfer im Büro und halte den Kontakt zu Auftraggebern und Geschäftspartnern vor allem per E-Mail und Telefon. Da ist die Buchmesse eine tolle Möglichkeit, sich persönlich kennenzulernen und zu erfahren, wer eigentlich hinter den E-Mails oder Telefonaten steckt. So treffe ich mich an den Ständen der Verlage, in einem Café oder bei einer Veranstaltung mit interessanten Menschen.

Einen weiteren Grund bilden die zahlreichen Veranstaltungen auf der Messe. Lesungen, Vorträge und Preisverleihungen bieten eine tolle Mischung aus Information und Unterhaltung. Besonders im Hinblick auf Self-Publishing wurde auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wirklich viel geboten. Ehrlich gesagt habe ich dann aber nur einen Bruchteil der Veranstaltungen besucht, die ich interessant fand. Die Zeit auf der Messe geht einfach viel zu schnell vorbei.

Außerdem bietet die Messe eine gute Gelegenheit, mir einen Überblick über Neuerscheinungen zu verschaffen – auf abwechslungsreichere und spannendere Weise, als in Verlagsvorschauen zu blättern. Besonders interessant finde ich zudem die Möglichkeit, internationale Verlage kennenzulernen, die sich vor allem in Frankfurt in großer Zahl präsentieren.

Bei den Buchmessen fließen für mich also persönliche und berufliche Interessen zusammen, weshalb ich mich jetzt schon auf Leipzig 2015 freue (12.-15.03.2015).

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Autorenberatung

Szenen geschickt verbinden

Gut funktionierende Szenenwechsel sind die Bindeglieder einer gelungenen Erzählung. Ihre Bedeutung sollte man nicht unterschätzen. Doch was macht eigentlich einen Szenenwechsel aus, was gibt es für Möglichkeiten über einen schlichten Wechsel von Zeit, Raum und/oder handelnder Person hinaus?

Zu diesem Thema finden Sie ein von mir bearbeitetes Textbeispiel mit einer speziellen Herangehensweise in der Textküche der aktuellen Federwelt (Ausgabe Oktober/November 2014), zusammen mit einem tollen Überblick über die wichtigsten „Zutaten“ für einen gelungenen Szenenwechsel von Dr. Anette Huesmann.

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Autorenberatung, Buchtipp

Buchtipp (nicht nur) für Autoren: „Kreativ schreiben“ von Fritz Gesing

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Kreativ schreiben
Handwerk und Techniken
des Erzählens

DuMont Verlag
464 Seiten
12,99€ (TB), 9,99€ (EBook)
ISBN: 978-3832162672
Erscheinungstermin: 16.05.2014

Nachdem Fritz Gesing bereits 2002 eine erste Version seines Schreibratgebers veröffentlichte, erschien im Mai 2014 eine überarbeitete und erweiterte Neuausgabe, die aktuelle Entwicklungen sowie einige exemplarische Veröffentlichungen der letzten Jahre behandelt. So bezieht Gesing in seine Überlegungen bspw. Aspekte wie den Erfolg der HBO-Serien á la Game of Thrones ein und zieht Rückschlüsse von solchen Verfilmungen auf das schriftstellerische Schaffen von heute („Schreiben im Zeitalter von Bild und Film“).

Kreativ schreiben bietet einen Überblick verschiedener literaturtheoretischer Ansätze, die jeweils mit Beispielen veranschaulicht werden und in gut verständlicher Weise formuliert sind. Ob Dramaturgie, Setting oder Charakterzeichnung, Gesing lässt nichts aus. Die zur Verständlichkeit herangezogenen Beispiele entnimmt er dabei sowohl zahlreichen Klassikern unterschiedlicher Genres als auch Veröffentlichungen der letzten Jahre.

Äußerst aufschlussreich ist zum Beispiel die Detailanalyse der Einführung der Nebenfigur Bezu Fache in Dan Browns Sakrileg. Bezu Fache ist der Capitaine der Pariser Polizei und wird anfangs beinah zum Antagonisten Robert Langdons aufgebaut. Gesing zeigt exemplarisch, wie man einer Nebenfigur individuelle Merkmale verleihen kann: zum Beispiel durch besondere Verhaltensmuster oder ein kontrastierendes bzw. spiegelndes Verhältnis zum Protagonisten.

„[…] Er ist alles andere als sympathisch, weckt jedoch Interesse durch den mythologischen Subtext und die daraus entstehenden Assoziationen, die im Gegensatz zu seiner Rolle als Polizist stehen, die ihn weniger als aufklärenden Detektiv denn als möglichen Schurken erscheinen lassen. Genau auf die Fährte soll der Leser gelockt werden.

Damit setzt sich der Capitaine kontrastierend zu dem Protagonisten ab und, wie man bald darauf erkennen kann, ebenso von seiner Kollegin Sophie Neveu, der weiblichen Zentralfigur. Durch den Auftritt einer so dunkel gezeichneten Figur wirken die Protagonisten umso heller.“

Auch wenn einige der aufgezählten Aspekte geradezu selbstverständlich sind, werden sie hier sehr stimmig auf den Punkt gebracht. In der Folge geht der Autor noch mehr in die Tiefe und bringt zudem noch Beispiele für geschickt eingebundene Nebenfiguren aus anderen Werken wie Moby Dick oder Doktor Faustus.

Darüber hinaus stellt sich Gesing grundlegenden Fragen des Literaturbetriebs: „Gibt es ein Erfolgsrezept für einen Bestseller?“, „Kann ich es schaffen?“ oder „Warum schreiben?“. Nein, die ultimativen Antworten darauf hat auch Gesing leider nicht gefunden, er bietet aber eine Reihe sinnvoller Ansätze und teilt offen seine eigenen Erfahrungen als Autor.

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So sah übrigens das Cover der Ausgabe von 2002 aus.

Kreativ Schreiben richtet sich natürlich in erster Linie an Autoren, ist aber auch für jeden interessant, der sich tiefergehend mit Geschichten und ihrem Entstehen befasst, egal ob Literaturwissenschaftler, Lektor oder Literaturagent. Das Buch eignet sich dank seiner übersichtlichen Struktur und des ausführlichen Inhaltsverzeichnisses übrigens auch gut als Nachschlagewerk.

 

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Autorenberatung, Lektorat

Interviewreihe: Umgang mit Manuskripten – Teil III

Täglich gehen bei Verlagen und Literaturagenturen zahllose Texte ein. Worauf achten diejenigen, die oftmals zuerst die Manuskripte in den Händen halten: Praktikanten, Volontäre & Co? Wie gehen sie auf ein unbekanntes Manuskript zu?

Teil III: Ich spreche mit Christiane, Lektoratsassistentin beim Oetinger Verlag

Foto_0e34_Christiane_02Christiane ist Lektoratsassistentin beim Verlag Friedrich Oetinger in Hamburg. Außerdem ist sie bei Oetinger34 für die Betreuung der IllustratorInnen zuständig.

Kanut: Gleich vorneweg: Wie liest du ein Manuskript am liebsten? Auf dem E-Reader oder Tablet, ausgedruckt oder auf dem PC-Bildschirm?
Christiane: Ich lese gerne auf dem Tablet, da es in der Darstellung besonders flexibel ist und ich es überall dabeihaben kann. Und am zweitliebsten lese ich ganz herkömmlich auf Papier.

K.: Laut einer aktuellen Studie nimmt die Bedeutung des Smartphones als E-Book-Gerät zu. Liest du digitale Manuskripte auch schon auf dem Handy?
C.: Ich habe zwar ein Smartphone aber das Display ist ziemlich klein. Darum ist es mir zu anstrengend, damit zu lesen.

K.: Was ist das Erste, worauf du bei einem Manuskript achtest?
C.: Zuerst lese ich immer das Exposé, wenn eines beigefügt ist. Dabei achte ich darauf, ob der Autor ein Gespür für das Wesentliche hat und seine Vision auf den Punkt bringen kann. Außerdem möchte ich erkennen können, dass dem Autor der Unterschied zwischen Plot und Story bewusst ist. Und wirklich ungewöhnliche Einfälle machen mich schließlich neugierig auf das Manuskript!

Beim Lesen des Manuskripts sind für mich die ersten Seiten ganz entscheidend. Ich muss mich auf den Schreibstil des Autors verlassen können, und ob das der Fall ist, merkt man meist schon nach wenigen Sätzen. Außerdem muss mich der Autor vom ersten Satz in seine erschaffene Welt hineinziehen. Es klingt ein bisschen so, als hoffe man als Lektorin auf einen magischen Moment – tatsächlich erwarte ich aber in erster Linie ganz basales Handwerkszeug und eine frische, ungewöhnliche Idee.

K.: Du hast beim Oetinger Verlag den tollen Debütroman von Anna Seidl „Es wird keine Helden geben“ lektoriert (den man übrigens noch bis zum 30.04. auf Lesedurst.de gewinnen kann). Wie war die Arbeit mit einer jungen Debütautorin und ihrem Manuskript?
C.: Es freut mich sehr, dass dir der Roman gefällt! Es war auch eine wirklich tolle Zusammenarbeit: Anna ist sehr flexibel und hat ein sehr entspanntes Verhältnis zu ihren Texten. Sie bringt viele Ideen mit ein, ist aber auch offen für Gegenvorschläge – das macht die Arbeit mit ihr sehr angenehm und inspirierend. Wir haben uns überwiegend per Mail ausgetauscht, da Anna ja tagsüber in der Schule war. Die wichtigsten Entscheidungen haben wir aber immer am Telefon getroffen. Es war toll mit Anna zusammenzuarbeiten, weil für sie ja alles ganz neu und darum auch besonders aufregend war. Ihre Begeisterung ist extrem ansteckend und ich freue mich schon sehr auf das nächste Lektorat. Lange muss ich nicht mehr warten, denn Anna schreibt schon an ihrem zweiten Buch.

K.: Was macht für dich – kurz auf den Punkt gebracht – ein gutes Jugendbuch aus?
C.: Ein gutes Jugendbuch zeichnet sich für mich dadurch aus, dass es von seiner Zielgruppe gemocht wird. Es muss allem voran gute Unterhaltung bieten und im besten Fall eine Botschaft transportieren, über die man auch noch eine Weile nachdenkt, wenn man das Buch zugeklappt hat.

K.: Und als Abschlussfrage: Welches Buch hat dich privat zuletzt begeistert?
C.: Mein letztes großes Leseerlebnis war Skippy stirbt von Paul Murray. Eine Freundin hat es mir zum Geburtstag geschenkt, und zuerst war ich nicht so extrem begeistert, weil das Buch mit fast 800 Seiten das Format eines Ziegelsteins hat und ich wirklich gar nicht gerne dicke Bücher lese. Aber da diese Freundin mir immer gute Bücher schenkt, habe ich Skippy stirbt doch eine Chance gegeben. Zum Glück! Die sehr skurrile Internatsgeschichte erzählt das kurze Leben des vierzehnjährigen Skippy, der bei einem Wettessen an einem Doughnut erstickt. Das Buch ist unglaublich witzig, zugleich aber auch sehr ernst und abgründig – und man liest und liest und liest, bis man plötzlich auf Seite 784 angelangt ist und am liebsten noch mal von vorne anfangen würde.

 K.: Vielen Dank!

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Autorenberatung, Lektorat

Interviewreihe: Umgang mit Manuskripten – Teil II

Täglich gehen bei Verlagen und Literaturagenturen zahllose Texte ein. Worauf achten diejenigen, die oftmals zuerst die Manuskripte in den Händen halten: Praktikanten, Volontäre & Co? Wie gehen sie auf ein unbekanntes Manuskript zu?

Teil II: Ich spreche mit Melanie, Mitarbeiterin einer Literaturagentur

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Für Melanie Wylutzki war nach dem Studium klar, dass sie sich beruflich in der Buchbranche bewegen möchte. So kam sie 2012 zur Konzept- und Literaturagentur Arrowsmith Agency, wo sie seither unter anderem für die Autorenbetreuung, Lektorate und die Erstellung der Rechtekataloge zuständig ist. Zudem bloggt sie regelmäßig für buchkarriere.de.

Kanut: Gleich vorneweg: Wie liest du ein Manuskript am liebsten? Auf dem E-Reader oder Tablet, ausgedruckt oder auf dem PC-Bildschirm?
Melanie: Am liebsten lese ich gedruckte Texte – sei es das fertige Buch oder auch der Ausdruck eines Manuskripts. Meistens kommt es allerdings darauf an, in welcher Prüfungsphase sich das Manuskript befindet, das ich lese: Für die erste Prüfung drucke ich mir Texte gerne aus oder lese sie auf dem Tablet, da eine intensive Bearbeitung an dieser Stelle noch nicht nötig ist und man so auch mobiler ist. Um Manuskripte aber intensiver bearbeiten zu können, arbeite ich meistens am PC, da hier Textbearbeitung einem hier (noch) viel leichter gemacht wird als auf den mobilen Geräten.

K.: Laut einer aktuellen Studie nimmt die Bedeutung des Smartphones als E-Book-Gerät zu. Liest du digitale Manuskripte auch schon auf dem Handy?
M.: Tatsächlich ist das Smartphone hin und wieder auch zum Lesen von Manuskripten im Einsatz. Zwar ist es nicht die komfortabelste Art und Weise zu lesen, aber man hat das Smartphone einfach immer dabei. So ist es vor allem auf Dienstreisen oder beispielsweise auf den Buchmessen ganz praktisch, wenn noch dringend ein Manuskript gelesen oder geprüft – und der Akku vom Tablet geschont werden muss.

K.: Was ist das Erste, worauf du bei einem Manuskript achtest?
M.: Wenn ich ein neues Manuskript bekomme, versuche ich, mich voll und ganz auf den Text einzulassen, ohne Vorurteile in die fiktive Welt einzutauchen. Mir ist es dabei sehr wichtig, dass mich der Text im Endeffekt „einfängt“, mich neugierig macht. Ganz egal, ob es ein Krimi ist, der durch Spannung und außergewöhnliche Figurenkonstellationen überzeugt, eine Liebesgeschichte, bei der einen die Emotionen packen, oder ein literarischer Roman, der durch die besondere, außergewöhnliche Idee und die sprachliche Gestaltung besticht.

Da ich in der Agentur alle Genres prüfe und bearbeite, ist es natürlich sehr schwierig, konkret in Worte zu fassen, was das Erste ist, worauf ich bei einem Manuskript achte. Grundsätzlich ist es aber für mich sehr wichtig, dass ich als Leser schnell in der Fiktion ankomme und dabei Lust verspüre, sie komplett zu erkunden. Im ersten Schritt zählen also der Inhalt sowie der Spannungsbogen und weniger Formalitäten wie Orthografie und Sprache. Allerdings ist der Eindruck immer besser, wenn die Autoren ihre Manuskripte im Vorfeld auch noch einmal dahingehend prüfen lassen. Wichtig ist natürlich auch immer, welche Chancen man für ein Manuskript auf dem Buchmarkt sieht. Das ist jedoch ein Aspekt, den man im Hinterkopf hat, aber der bei der ersten Lektüre nicht unbedingt vorrangig ist – schließlich ist man für die Agentur auch immer daran interessiert, neue Schreibtalente zu entdecken.

Im Sachbuchbereich sieht es etwas anders aus, da die Maßstäbe andere sind. Wir vertreten viele humorvolle Sachbücher. Dabei ist mir wichtig, dass ich mir zumindest vorstellen können muss, dass viele Leser Stil, Thema und Humor mögen. Bei wissenschaftlicheren Projekten muss natürlich immer gegeben sein, dass sie gut recherchiert und belegt wurden, aber – für unsere Zwecke – auch, dass sie nicht zu trocken geschrieben sind. Bei Sachbüchern schaue ich mir häufig zuerst die Exposés und Gliederungen an, vergleiche mit den aktuellen Marktentwicklungen und schaue auf Qualifikation und Bekanntheitsgrad des Autors. In der Belletristik lese ich meist zuerst die Leseprobe, um unvoreingenommen zu sein und beurteilen zu können, ob Plot, Figurenvorstellungen und -konstellationen, usw. auch für den völlig unvorbereiteten Leser funktionieren.

K.: Es gibt Menschen, die behaupten, der erste Satz müsse den Leser direkt richtig packen. Wie wichtig ist deines Erachtens der erste Satz? Was bringt dich also dazu, bereits auf der ersten Seite den Text zur Seite zu legen?
M.: Sicherlich ist der Anfang eines Buches sehr wichtig, aber dem ersten Satz eine solch große Bedeutung beizumessen, finde ich etwas überzogen. Natürlich sollte ein Manuskript mein Interesse schnell wecken, und – wie ja bereits beschrieben – mir schnell einen Zugang zur fiktiven Welt eröffnen. Doch auch das Gesamtkonzept muss funktionieren, der Plot durchdacht sein, die Figuren müssen überzeugend gezeichnet und ein guter Spannungsbogen aufgebaut werden. Das lässt sich sehr selten bereits auf der ersten Seite feststellen, daher habe ich bisher noch nicht direkt nach der ersten Seite die Lektüre abgebrochen – oder eine positive Entscheidung gefällt. Aber es gibt schon einige wenige Manuskripte, bei denen mich die Kombination aus Sprachstil, besonderen Figuren und der Atmosphäre bereits auf der ersten Seite so einfing, dass für mich ganz klar war, dass ich mir auf jeden Fall das gesamte Manuskript anschauen werde.

K.: Wie viele Seiten eines Manuskripts siehst du dir schätzungsweise durchschnittlich an, bevor du eine erste Entscheidung triffst, ob es für den Verlag interessant sein könnte oder nicht?
M.: Wir arbeiten meistens mit Leseproben (zwischen 30-80 Seiten) und in der Regel versuche ich, diese komplett (und mindestens quer) zu lesen, auch um gegebenenfalls den Autoren bei Nachfragen eine entsprechende Rückmeldung geben zu können. Außerdem hat die Erfahrung gezeigt, dass man nach etwa 50 Seiten ganz gut einschätzen kann, ob das gesamte Konzept funktionieren kann. Die erste – und meistens entscheidende – Eindruck entsteht meistens doch schon eher, etwa nach 5 bis 10 Seiten. Schwierig sind die Manuskripte, die zwar nicht schlecht sind, aber denen noch der letzte Kick fehlt und man daher unsicher ist, ob man sie als Agentur vertreten sollte oder nicht. In solchen Fällen lese ich lieber ein paar Seiten mehr, als dass mir der nächste Bestseller entgeht.

K.: Welches Buch hat dich privat zuletzt begeistert?
M.: Da habe ich gerade zwei Favoriten: Die Känguru-Offenbarung von Marc-Uwe Kling habe ich vor kurzem gelesen und war – wie auch von den Vorgängern – sehr begeistert. Im Moment lese ich Dodger von Terry Pratchett – eine wunderbare, märchenhafte, aber auch sehr reflektierte Geschichte über einen jungen Mann, dem es gelingt, sich durch seine andersartigen Denkansätze und die heldenhafte Rettung einer adligen jungen Dame, einen Namen in der Gesellschaft zu machen.

K.: Vielen Dank!

Hier geht’s zum dritten Teil der Interview-Reihe mit Christiane vom Oetinger Verlag.

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Autorenberatung, Lektorat

Interviewreihe: Umgang mit Manuskripten – Teil I

Täglich gehen bei Verlagen und Literaturagenturen zahllose Texte ein. Worauf achten diejenigen, die oftmals zuerst die Manuskripte in den Händen halten: Praktikanten, Volontäre & Co? Wie gehen sie auf ein unbekanntes Manuskript zu?

Teil I: Ich spreche mit Monika, Lektoratsvolontärin.

Monika ist ein absolutes Sprachentalent, was ihr bei der Arbeit im Lektorat natürlich zugute kommt. So kann sie englische, französische und schwedische Manuskripte prüfen und beherrscht in mehreren anderen Sprachen zumindest die Grundlagen. Nach diversen Praktika im Verlagswesen, ist sie aktuell Volontärin im Lektorat eines Kölner Literaturverlags.

Umgang mit Manuskripten

Kanut: Gleich vorneweg: Wie liest du ein Manuskript am liebsten? Auf dem E-Reader oder Tablet, ausgedruckt oder auf dem PC-Bildschirm?
Monika: Es geht doch nichts über ein schön gebundenes Buch, das ist immer noch mein Favorit. Die meisten Prüftexte kommen aber natürlich in digitaler Form: In der Regel drucke ich sie mir dann aus, am Bildschirm verschaffe ich mir lediglich einen Überblick. Seit neuestem lese ich auch auf dem E-Reader, der unschätzbare Vorteile hat, wenn man viel unterwegs ist. Leider funktionieren Word- oder PDF-Dateien darauf nur bedingt, deshalb bin ich noch nicht restlos überzeugt.

K.: Laut einer aktuellen Studie nimmt die Bedeutung des Smartphones als E-Book-Gerät zu. Liest du digitale Manuskripte auch schon auf dem Handy?
M.: Nein. Ich habe es mal auf dem iPod ausprobiert, aber mit dem winzigen Bildschirm fand ich das ziemlich unpraktisch. Da plädiere ich dann doch eher für Geräte-Vielfalt, mein Handy muss nicht alles können.

K.: Was ist das Erste, worauf du bei einem Manuskript achtest?
M.: Wenn ich ein literarisches Manuskript prüfe, nehme ich die Lektoren-Brille erst mal ab und versuche, am Anfang möglichst unbefangen zu bleiben: Der Text soll für sich sprechen und ich gehe genauso dran wie jede x-beliebige Leserin. Was zuallererst zählt, ist also mein persönliches Leseerlebnis. Wenn mir der Text Lust macht, wenn er mich hineinzieht, dann erst kommen Kriterien wie Sprache, Erzähler etc. ins Spiel und ich versuche, den Text einzuordnen. Im Bereich Sachbuch ist es ein bisschen anders, da schaue ich üblicherweise zuerst auf die Aktualität oder Besonderheit des Themas und dann auf den Autor, seine Qualifikation und seinen Bekanntheitsgrad.

K.: Es gibt Menschen, die behaupten, der erste Satz müsse den Leser direkt richtig packen. Wie wichtig ist deines Erachtens der erste Satz? Was bringt dich also dazu, bereits auf der ersten Seite den Text zur Seite zu legen?
M.: Da 99% aller Leser und damit auch der Lektoren ein Buch vorne anfangen zu lesen, ist der erste Satz sicher nicht unwichtig – aber ich würde seine Bedeutung auch nicht überbewerten. Ich für meinen Teil lese niemals nur den ersten Satz, sondern mindestens mal die ersten zwei, drei Seiten. Wenn ich dann schon gelangweilt bin und nach grobem Querlesen absehen kann, dass sich das auch im restlichen Manuskript nicht ändern wird, lege ich es zur Seite. Oft hatte ich jedoch auch den umgekehrten Fall: Manchmal ist der Anfang vielversprechend und erzeugt Erwartungen, die dann durch einen schwachen Plot oder einen schlechten Schluss enttäuscht werden. Ich würde deshalb niemals ein Buch zur Veröffentlichung empfehlen, das ich nicht ganz gelesen habe, selbst wenn mich schon die ersten Seiten begeistern. Mein Fazit: Der Einstieg sollte gut sein, aber das reicht natürlich nicht – der Rest muss genauso stimmen!

K.: Wie viele Seiten eines Manuskripts siehst du dir schätzungsweise durchschnittlich an, bevor du eine erste Entscheidung triffst, ob es für den Verlag interessant sein könnte oder nicht?
M.: Das ist natürlich unterschiedlich, aber wenn mit „ansehen“ tatsächlich „lesen“ gemeint ist, tippe ich spontan auf ca. 50 Seiten.

K.: Welches Buch hat dich privat zuletzt begeistert?
M.: Mir ist neulich ein sehr schmales, unscheinbares Buch in die Hände gefallen, das ich bis dahin noch nicht kannte – dabei ist es eines der besten Bücher, die je über den Nationalsozialismus geschrieben wurden: „Adress unknown“ von Kathrine Kressmann Taylor. Aufs Wesentliche reduzierte Erzählkunst, die einen von der Intensität her einfach umhaut.

K.: Vielen Dank!

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